Buyer Experience - Apple Store

Candidate Experience: Alles nur ein Hype!?

Wann immer ein Hype um eine Sache gemacht wird, dauert es auch nicht lange, bis sich eine Konter-Bewegung formiert. Gibt es einen Bio-Hype? Dann schreibt bestimmt auch jemand über „Die Bio-Lüge“.

Das gilt ebenso für den HR-Bereich: Diskutieren wir aktuell den Fachkräftemangel, folgt darauf „Die Lüge vom Fachkräftemangel“. In letzter Zeit haben wir offenbar das Thema „Candidate Experience“ etwas überstrapaziert. Folgerichtig setzt nun der Anti-Hype ein.

Ein Kommentar von JANNIS BLUME

„Candidate Experience is HR’s biggest lie“, so also der Titel, den der HR-Profi Tim Sackett für seinen Beitrag auf dem The Hiring Site Blog gewählt hat. Er beginnt mit dem Satz: “In meiner Branche bin ich bekannt als die eine Person, die nichts vom Konzept der Candidate Experience hält.”

Seine Branche, das ist die illustre Welt der Unternehmens- und Personalberatung. Tim Sackett selbst ist Chef einer 40 Mio. Dollar-schweren Personalvermittlungsunternehmung in den USA. Nebenher „lehrt” er Führungskräften „das Umdenken im HR“. Man kann ihn auch für Vorträge auf Konferenzen oder Firmenevents buchen. Als Vortragsthema schlägt er dann zum Beispiel vor: How Would Steve Jobs Have Designed HR? (I’ll give you a hint, it wouldn’t be like it is now!)

Soviel also zu der einen Person, die übereifrige Überlegungen zum Konzept der Candidate Experience für ausgemachten Blödsinn hält. Als Ausgangspunkt für seine Antithese zitiert Sackett zunächst die Argumentationskette der Befürworter. Und die geht – seiner Meinung nach – wie folgt:

  1. Bewerber hassen die Art und Weise, wie sie in Ihrem Bewerbungsprozess behandelt werden.
  2. Sie hassen sie so sehr, dass sie nur Schlechtes über Ihre (Verbraucher-) Marke denken.
  3. Wenn Sie Ihre Bewerber nicht besser behandeln, wird sich das negativ auf ihre Umsätze auswirken.
  4. HR kann aber zum Umsatztreiber werden, wenn es Ihre Kandidaten so großartig behandelt, das sie Ihre Marke sogar dann lieben, wenn sie den Job nicht bekommen haben.

Abgesehen davon, dass ich diese Argumentationslogik selten höre, finde ich sie eigentlich ganz originell (zur Erinnerung: Die Neuausrichtung der Recruiting-Strategie bei Zappos folgte scheinbar genau dieser Argumentation).

Für Sackett aber ist der ganze Hype um die Candidate Experience unbegründet, das Thema sei in der Realität weniger sexy. Um was gehe es denn? Die ganze Wahrheit sei doch schlicht: Kandidaten können es eben nicht leiden, wenn sie nach der Bewerbung in ein „schwarzes Loch“ fallen.

Wenn Sie einfach nur ein paar grundlegende Kommunikationsregeln befolgten, wie einem Kandidaten für seine Bewerbung zu danken und ihm Rückmeldung zu geben, sobald die Stelle besetzt ist, würden Sie 99 % aller Kandidaten zufriedenstellen.

Natürlich gäbe es auch immer ein paar Kandidaten, die sich beschweren. Aber die würde es auch dann geben, wenn Sie ihnen persönlich die Nachricht überbrächten. Ansonsten hätten Kandidaten ohnehin keine besonders hohe Erwartungen an die Candidate Experience. Alles was darüber hinaus gehe, sei nichts anderes als Zeit- und Geldverschwendung.

Was also empfiehlt Sackett?

“Wenn Sie 99 % Ihrer Bewerberkandidaten zufriedenstellen wollen, sollten Sie einen grundlegenden Prozess für die Bewerberkommunikation etablieren und den zu 100 % befolgen [...] Konzentrieren Sie sich auf die Grundlagen. Stopfen Sie die ’schwarzen Löcher’ in Ihrem Bewerbungsprozess und behandeln Sie schließlich Ihre Kandidaten so, wie Sie selbst behandelt werden wollen.“

Candidate Experience – für Sackett ist es die größte Lüge im HR. Für andere gehört eine exzellente Candidate Experience zum wesentlichen Bestandteil einer erfolgreichen Employer Branding- und Recruiting-Strategie.

Vergliche man die Candidate Experience mit der Buyer Experience, läge der Unterschied der beiden Lager wohl irgendwo zwischen Einkaufen beim Discounter und einem Besuch im Apple Store. Wohin gehen Sie lieber einkaufen?

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Weiterführende Links:

Candidate Experience: Auf die Bewerberperspektive kommt es an – Next Recruiting Blog