Phantom Generation Y

Generation Y: Auf der Suche nach einer Phantomgeneration

Vieles ist über die Generation Y geschrieben und spekuliert worden. Fast täglich erfahren wir über neue Studien und Umfragen, die widersprüchlicher kaum sein könnten. Wir wollen herausfinden, wie diese Generation eigentlich tickt, und wie wir sie erreichen können. Doch je mehr wir über sie erfahren, desto diffuser wird unser Bild. Suchen wir ein Phantom?

Von Jannis Blume

Im Sommer 2011 machte sich ein engagiertes Projektteam bei meinem damaligen Arbeitgeber Accenture auf die Suche nach dem Kern der Wahrheit über die Generation Y. Die Jahrgänge ab 1982 waren zum damaligen Zeitpunkt längst im Berufsleben angekommen, auch bei Accenture, das zu den weltweit größten IT-Management und Consulting-Unternehmen zählt.

Ziel des Projektteams war es, mittels Befragung der entsprechenden Mitarbeiter aus der DACH-Region herauszufinden, inwiefern die auf Basis von internen und externen Studien aufgestellten Hypothesen über die Generation Y zutreffen.

Klugerweise hatte das Accenture-Projektteam dazu auch eine ältere „Kontrollgruppe“ mit den selben Fragen konfrontiert, um die Abweichungen in den Antworten der Generation-Y-Mitarbeiter validieren zu können.

Die Studienergebnisse wurden schließlich im Januar 2012 präsentiert: Überraschung! Zwar konnten einige der grundlegenden Annahmen über die Generation Y „erhärtet“ werden (wie z. B. „Kompetenz“ ist wichtiger als „Hierarchie“), viel interessanter aber waren die manifesten Hypothesen, die eindeutig „widerlegt“ wurden. Hier einige Beispiele:

Privatleben & Arbeit
Hypothese: „Durch das Aufwachsen in einer digitalen, stark vernetzten Welt verwischen die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben.“
Widerlegt: „Die Trennung von Berufs- und Privatleben wird immer noch bewußt vorgenommen.“

Arbeitsort
Hypothese: „Generation Y legt größten Wert auf Work-Life-Balance und möchte den Arbeitsort zugunsten heimatnaher Standorte gern mitbestimmen.“
Widerlegt: „Wechselnde Einsatzorte werden immer noch nachgefragt wie auch der Wunsch nach Office-Friday.“ 

Tickt ihr noch ganz richtig?
Die Accenture-Studie gehörte damals zu einer der ersten konkreten Untersuchungen über die Wünsche und Anforderungen der Arbeitnehmer-Generation-Y im deutschsprachigen Raum.

Seit dem sind viele weitere Umfragen erfolgt und Nachforschungen in Bezug auf die Generation Y angestellt worden, stets mit dem Ziel zu erkunden, wie denn diese Generation eigentlich tickt.

Doch trotz der zahlreichen Studien und Umfragen, gibt es bis heute keine gesicherten Erkenntnisse darüber, ob sie überhaupt anders tickt als andere Generationen. Und inzwischen sind wir uns noch nicht einmal sicher, ob die älteren Generationen noch so ticken, wie sie einst tickten.

Der Mythos von der Work-Life-Balance
Wie schon bei der Accenture-Befragung wird in den meisten Umfragen und Studien über die Generation Y die Work-Life-Balance als ein zentrales Element ihrer Arbeits- und Lebenseinstellung angenommen. Das kommt nicht von ungefähr, denn in der Work-Life-Balance manifestieren sich 3 große Trends, die ihre Anfänge „in der Zeit der Generation Y“ genommen haben:

1. Der Digitale Wandel
2. Flexibilisierung der Arbeit
3. Nachhaltigkeits-Denken

Arbeitsmarkt Generationen
Die Generationen im aktuellen Arbeitsmarkt

Daher unterliegen wir auch immer der Annahme, dass die Generation Y in besonderem Maße von diesen Trends beeinflusst ist und – wie keine andere Generation zuvor oder danach – kaum anderes im Sinn hat, als die radikale Einforderung einer Arbeitswelt, in der diese Trends ihre maximale Auswirkung entfalten.

Und wir sind immer überrascht, wenn dies nicht der Fall ist. Unser Gebilde über die Generation Y bricht jedes mal in sich zusammen, wenn eine Studie mal wieder feststellt, dass auch den Vertreter dieser Generation manchmal die Jobsicherheit, das Gehalt oder die Karriere wichtiger ist als eine tolle Work-Life-Balance.

Wir lesen darüber täglich in den Medien. Schlagzeilen wie „Studie ergibt: Die Generation Y tickt gar nicht anders“, oder „Job-Kriterien der Gen Y: Karriere geht vor Work-Life-Balance“. Vor Kurzem traf mich der Blitz als ich folgende Headline zu lesen bekam: „Gen Y most negative towards flexible workers.“

Der Artikel bezog sich auf eine Befragung von 1.000 Arbeitnehmern in Großbritannien. Quer durch alle Generationen hinweg wurden die Teilnehmer nach ihrer Einstellung zu flexiblen Arbeitsorten und -zeiten befragt. Dabei fand man heraus, dass die Vertreter der Generation Y in diesen Punkten am wenigsten Toleranz zeigten.

Wie bitte? Ausgerechnet diejenigen, denen die Work-Life-Balance angeblich als höchstes Gut gilt, halten selbst nicht soviel davon, wenn ihre Kollegen in Teilzeit arbeiten wollen und Home Office einfordern?

Eine Partnerin der Anwaltskanzlei, die die Studie in Auftrag gab, kommentierte ihre Überraschung damit, dass die Generation Y ihrer Meinung nach eine Art „have-it-all“ Generation darstellt: „Sie wollen alle Vorteile für sich selbst, aber nicht unbedingt, dass dieselben Privilegien auch für andere gewährt werden, wenn sich das negativ auf ihre Arbeit auswirken könnte.“

Diese Studie förderte damit ein neues Attribut für die Generation Y zutage, das bislang der Generation X angehaftet wurde: Egoismus! Und raten Sie mal, welche Generation flexiblen Arbeitszeiten am offensten gegenüberstand? (Die Antwort gibt es zum Schluss, zusammen mit einigen weiterführenden Links, u. a. zu den hier zitierten Artikeln).

Wen suchen wir eigentlich?
Wir sind auf der Suche nach einer Generation, von der wir lediglich wissen, dass sie heute und künftig den Großteil der Arbeitskräfte stellt und von der wir annehmen, dass sie sich gegenüber ihrer Vorgängergenerationen in einigen wesentlichen Punkten unterscheidet.

Das einzige „sichere“ Unterscheidungsmerkmal, das diese Generation auszeichnet, stellt einzig ihr Geburtsjahr dar. Liegt dieses zwischen 1980 und 1995, sprechen wir von der Generation Y – und selbst in diesem Merkmal sind wir uns nicht ganz einig.

Mehr wissen wir bis dato nicht. Wir stellen lediglich Vermutungen an, die mal mehr – mal weniger – in Studien und Umfragen bestätigt oder widerlegt werden. Das ist ein ziemlich unbefriedigender Zustand, den wir nicht hinnehmen wollen. Also suchen wir weiter. Nach dem Kern eines Wahrheitsgehaltes, der eine ganze Generation auszeichnen soll.

Doch woher kommt der Wunsch, die charakteristischen Merkmale der Generation Y zu erfassen? Eine Antwort darauf könnte einmal mehr unser kapitalistisches System liefern, dessen unaufhörliche Anstrengung darin besteht, Märkte zu finden und zu bilden, in denen sich Durchschnittskonsumenten über bestimmte Attribute zielsicher bewerben lassen.

Das mag bei den „Baby Boomern“ (Jahrgänge 1950 – 1965) noch relativ gut funktioniert haben. Bei dieser Generation leuchtet es ein, dass die Konsumlust, das Trachten nach gesicherten Lebensverhältnissen und wirtschaftlichem Wohlstand nach dem 2. Weltkrieg bei der Mehrheit der Bevölkerung zur damaligen Zeit ausgesprochen hoch angesiedelt war.

Anders ausgedrückt: Am Boden der Maslowschen Bedürfnispyramide lässt sich gut (Massen-) Marketing betreiben. Finde einfach heraus, was die Masse will, und dann vermarkte genau das. Ideale Voraussetzungen für’s Marketing.

Maslowsche Bedürfnispyramide
Maslowsche Bedürfnispyramide

Zu viel Fernsehen, zu wenig Arbeit
Bereits bei der darauffolgenden Generation X hatte dieses Prinzip schon nicht mehr so gut funktioniert. Sie begann plötzlich Fragen zu stellen, auf die das kapitalistische System und seine Vermarktungsmaschinerie keine Antworten zu liefern vermochte. Das war die erste Generation, die zwar im Überfluss (ihrer Eltern) aufwuchs, aber deren eigenes Sicherheitsbedürfnis durch radikale Rationalisierungswellen in den Unternehmen in Frage gestellt worden war (Stichwort: Massenarbeitslosigkeit).

Douglas Coupland und seinem Roman „Generation X“ war es schließlich zu verdanken, dass wir heute den Begriff mehrheitlich für eine Generation verwenden, die zwischen den 1960-er und 1970-er geboren und dadurch „gebrandmarkt“ ist, dass sie zuviel Zeit für’s Fernsehen, jedoch zu wenig Arbeit hatte.

Coupland erzählt die Geschichte dreier Jugendlicher aus dieser Zeit, die sich mit schlecht bezahlten Jobs durchschlagen, für die sie alle drei überqualifiziert sind. Mit anderen Worten: Unsere Vorstellung von der Generation X basiert auf der Erzählung von 3 fiktiven Charakteren eines Romans, der um die 80-er spielt.

Interessanterweise wählte Coupland ein „X“ als Bezeichnung der „Generation X“ aus, um eine Generation zu beschreiben, die sich nicht mehr eindeutig beschreiben ließ und sich daher der Werbeindustrie entzog. Das „X“ steht sozusagen als Variable, in die Beliebiges hineininterpretiert werden kann – je nach dem, wessen Geschichte erzählt wird.

Konstanten sind Geschichten
Die Generation Y ist die Nachfolgegeneration der Generation X – und damit auch nur eine weitere Variable. Eine Variable, die nur durch weitere Konstanten aufgelöst werden kann. Die Konstanten sind je nach Herkunft, Religion, Hautfarbe, Geschlecht, familiären Hintergrund, Bildung, sexuelle Orientierung, soziale Schicht, etc. unterschiedlich.

Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb es keine einheitliche Merkmale zur Generation Y gibt. Denn es kommt stets darauf an, wen man befragt. Jeden einzelnen. Den „Durchschnitts-Normalo“ der Generation Y gibt es nicht.

Es ergibt daher keinen Sinn, nach gemeinsamen Attributen einer Generation zu suchen, deren Vertreter unterschiedlicher kaum sein könnten. Das einzig Sinnvolle besteht darin, sich auf ihre individuellen Geschichten einzulassen.

Das Individuum rückt immer mehr in den Vordergrund, ob im Marketing, im Recruiting, bei der Mitarbeiterförderung und -forderung oder bei der Mitarbeiterbindung.

tl;dr
Die „Too long; didn’t read“-Fassung (tl;dr): Die Generation Y als einheitliche Bevölkerungskohorte gibt es nicht. Wir müssen ihren individuellen Geschichten zuhören. Nur so werden wir begreifen, wie sie „im Einzelnen“ wirklich ticken.

Weiterführende Links
Spiegel Online - Wie tickt die GenY? Das sagen die Medien
Next Recruiting Blog - Work-Life-Balance: Die Generation Y und ihr Arbeitsfetisch
Antwort auf die Frage: Welche Generation steht flexiblen Arbeitszeiten am offensten gegenüber? -> Generation X
Aus dem Artikel:  Gen Y most negative towards flexible workers

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1 Kommentar

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